Alfonsos Corona-Geschichte

Mat. 7:12: Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt.

Liebe Leser,
bevor ich Ihnen meine persönliche Corona-Geschichte erzähle, möchte ich mich gerne vorstellen.

Meine Eltern hatten schon drei Töchter als ich vor 64 Jahren geboren wurde. Wie es in Süditalien Brauch war, gaben sie mir als den erstgeborenen Sohn voller Stolz den Namen des Vaters meines Vaters: Alfonso. Ich selbst nun bin Vater dreier erwachsener Kinder und lebe seit Anfang der neunziger Jahre in Konstanz.

Die Corona-Krise hat mich in vielerlei Hinsicht stark getroffen und verwundet. Sie wirkte sich unmittelbar auf mein berufliches und privates Leben aus.

Seit Ende Januar 2020 habe ich immer öfter vom Coronavirus gehört, welches aus Wuhan in China bald auch in Europa und der ganzen Welt Verbreitung finden sollte. Als ich am Sonntag den 15. März 2020 von den bevorstehenden Grenzschließungen hörte, wurde mir klar, dass es für mein Geschäftsmodell große Probleme geben würde. Mit zwei Mitarbeitern betreibe ich in Konstanz ein Depot für Schweizer Kunden. Meine Kunden, welche ausschließlich in der Schweiz wohnen, kaufen wegen den günstigeren Preisen bei Deutschen Onlinehändlern ein und nutzen mein Depot als Lieferadresse. Bei der Abholung der Waren erhalten wir eine Lagergebühr. Es kam so, wie es schlimmer nicht hätte sein können: von einem Tag auf den anderen hatte ich kein Einkommen mehr. Doch meine monatlichen Fixkosten mussten weiterhin bezahlt werden. Also habe ich mithilfe meiner Tochter Soforthilfe über die IHK beantragt und auch sehr zeitnahe erhalten. Meine beiden Mitarbeiter musste ich kündigen. Sie haben jeweils, wie sie mir sagten, auch sofort Arbeitslosengeld bezogen. Nach der Wiedereröffnung der Grenze zur Schweiz habe ich sie wiedereingestellt. Eine zweite Grenzschließung hätte für mein Depotgeschäft die Insolvenz zur Folge und somit auch für meine Angestellten das Ende ihrer Beschäftigung. Das wäre sehr tragisch, denn beide sind schwer vermittelbar und waren vor der Einstellung als Lagermitarbeiter in meinem Depot viele Jahre arbeitslos und auf Hartz IV angewiesen.

Zurück im Sommer 2019 rief mich ein junger Kunde aus der Schweiz an und bat mich in seiner Not um Hilfe. Er erzählte mir von seiner Autoimmunkrankheit, dass er deswegen nicht arbeitsfähig sei und deshalb bei seiner Schweizer Gemeinde Sozialhilfeansprüche wahrnähme, welche ihm aber immer wieder verwehrt oder gekürzt würden. Er sagte mir, dass er sich oft tagelang kein Essen leisten könne und seine Familie ihm nicht mehr glauben würde. Da ich ihm in der Vergangenheit wissend um seine komplizierte finanzielle Lage mehrfach die Lagergebühr erlassen habe, hatte er mich schließlich als letzten Anker gesehen. Ende 2019 hatte sich die Situation dramatisch verändert. Er fühlte sich von den für ihn zuständigen Gemeindebetreuern bedroht. Er glaubte, man wolle ihn als für sich und andere gefährlich einstufen und deshalb in eine Psychiatrie einweisen, was für ihn wegen seiner Autoimmunkrankheit aus seiner Sicht Lebensgefahr bedeutet hätte. Im Februar 2020 bat er mich, für ihn in Konstanz ein Hotel zu organisieren und ihn dabei finanziell zu unterstützen, da er zu seinem Schutz die Schweiz verlassen wollte. Die Grenzschließung Mitte März als Folge von Covid19 machte die Situation für den jungen Mann und mich äußerst schwierig und unberechenbar. Ich erklärte ihm, dass es mir im Laufe der Corona-Entwicklungen unmöglich geworden sei, ihn weiterhin finanziell zu unterstützen. Ich verwies auf seine Familienangehörigen, die ihm in dieser besonderen Lage sicher helfen würden. Jeden Tag wurde die Situation prekärer, aber er hielt mich als seinen letzten Strohhalm fest. Wir gerieten hierbei beide an unsere Grenzen und hatten immer wieder heftige und auch gemeine Differenzen.

Am 07. April um 20:38 Uhr schrieb der junge Mann mir per SMS in seiner verzweifelten Lage. Ich zitiere wörtlich:

„Duhast einem unschuldigem unrecht getan das ihn sehrwahrscheinlich sein leben kosten wird,du wirst damit leben müssen,und möge gott dir das nie verzeihen,denn du hast es bewusst getan,und möge all das leid das du damit über meine familie gebracht hast,über deine kommen.ich war dein freund und habe dich über alles respektiert und geschätzt,ich wäre immer zu dir gestanden und hätte dich nie im stich gelassen,egal wie schlimm es gewesen wäre … und da du die bibel so gut kennst, weisst nur du wer du bist“

Diese Zeilen habe ich unbeantwortet gelassen.

Das Osterwochenende am 11. und 12. April verbrachte der junge Mann bei seiner Schwester und seinem Schwager. Zuerst wurde ich von seiner Schwester angerufen und am Ostermontag rief mich sein Schwager an und bestätigte mir am Telefon, dass der junge Mann sich am Ostersonntag die Pulsadern aufgeschnitten habe und tot sei. Ich durfte wegen Corona nicht zur Beerdigung.

Off. 21: 3-5: Bald wird Gott, der nicht lügen kann, bei den Menschen sein, und er wird jede Träne von Ihren Augen abwischen auch wird der Tod nicht mehr sein, noch Trauer, weil Gott Liebe ist, Amen und Amen

Nach Öffnung der Grenze zur Schweiz am 15. Juni sagten mir einige Kunden, sie hätten an mich und meine schwierige geschäftliche Situation gedacht und freuen sich nun, mich und meine Mittarbeiter wiederzusehen zu können. Ein Kunde, von dem ich es nicht erwartet hätte, rief mich an. Gerne möchte ich seine Worte auszugsweise wiedergeben: „Die letzten Jahre war ich sehr erfolgreich. Ich kann mir vorstellen, dass Sie es in den letzten Monaten schwer hatten. Wenn Sie eine finanzielle Unterstützung benötigen, lassen Sie es mich bitte wissen, ich schätze Ihre Dienstleistung.“

Doch auch in meinem privaten Leben ging die Krise nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin geschieden und seit ca. zwei Jahren habe ich eine sehr liebe Freundin. Sie ist ebenfalls geschieden und lebt in Russland. Dort hat sie einen erwachsenen Sohn. Seit Herbst 2018 kommunizieren wir täglich per WhatsApp. Meine liebe Freundin hat mich schon zweimal in Konstanz besucht. Zusammen war es einfach wunderbar. Wir wollten uns im Frühjahr 2020 wiedersehen, aber sie darf wegen Corona nicht nach Deutschland einreisen. Wir sind guter Hoffnung, dass wir uns bald wiedersehen werden. Wir freuen uns. Das wird schön.



1. Kor.13:13: Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.



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